Das Berufsbild Philosophin / Philosoph und das Berufsethos

 
 

Der folgende Text dient der berufsverbandsinternen und -externen Begriffsklärung und Selbstvergewisserung. Er basiert auf den Ergebnissen diverser Frühjahrstagungen sowie weiteren redaktionellen Aktualisierungen durch den Vorstand des BV-PP.

Der Text gliedert sich in zwei Bereiche: Zum einen soll das Berufsbild des Philosophen / der Philosophin beschrieben werden. Dabei orientieren wir uns ans allgemeine Berufsklassifikationssystem wie bspw. berufe.net der Bundesagentur für Arbeit. Im zweiten Bereich formuliert der BV-PP ein Berufsethos und damit verbundene Qualitätskriterien, die für die Mitglieder des BV-PP verbindlich sind.

Der Beruf der Philosophin des Philosophen

Berufsbezeichnung: Philosophin / Philosoph

Unser Berufsfeld: Philosophische Praxis

Gegenstand der Arbeit: Bildung und Beratung in Bezug auf die menschliche Existenz.

„Bildung“ bedeutet für uns emanzipatorische Persönlichkeitsentwicklung im Prozess der Aneignung von Kultur und Zivilisation und nicht nur den Erwerb von zweckorientierten, technischen Kompetenzen. Unter „Beratung“ verstehen wir den Prozess des gemeinsamen Abwägens von Gründen im Kontext eines Bildungsprozesses, an dem mehrere Personen beteiligt sind, und keine asymmetrische Expertenberatung im Sinne des Erteilens von Ratschlägen.

Wir verstehen Philosophische Praxis als professionelle Begleitung bei der Suche nach Orientierung in verschiedenen individuellen, gemeinschaftlichen und institutionellen Lebensbereichen. Metaphorisch gesprochen: Wir hängen die Lampe höher, um den Lichtkegel zu erweitern.

Tätigkeit: Die Philosophin / der Philosoph ermöglicht Resonanzerfahrungen durch gemeinsames Philosophieren.

Unter Resonanzerfahrung verstehen wir ein gelingendes und fruchtbares Gespräch in wechselseitiger Transformation. Dieser Entwicklungsprozess geht von der Haltung der Philosophin und des Philosophen aus, die sich in wohlwollender, empathischer Zuwendung, gemeinsamem Fragen und Erforschen sowie Nachdenken und Reflektieren zeigt.

Die vielfältigen Begegnungen in der Philosophischen Praxis sind von einem Anliegen getragen. Diesen Prozess mit Offenheit zu begleiten, ist Ausdruck der Professionalität der Philosophin und des Philosophen. Dieser Prozess kann durchaus lösungsorientiert in dem Sinne sein, als er auf eine Entscheidung der Gäste hinaus laufen kann. Allerdings erwächst diese Entscheidung aus dem Prozess; der Ausgang des Prozesses, d.h. auch die spezifischen Eigenschaften der Entscheidung sind nicht prädisponiert.

Die Philosophin und der Philosoph arbeiten in einer Vielzahl von unterschiedlichen Bildungs- und Beratungssettings: Einzelgespräche, Gruppengespräche, Workshops, Philosophische Spaziergänge und Reisen, Philosophieren mit Kindern u.v.m.

Die Tätigkeit der Philosophin / des Philosophen findet in unterschiedlichen Arbeitskontexten statt, sei es freiberuflich, angestellt, ehrenamtlich oder in Mischformen.

Ethos der Philosophin / des Philosophen

Berufsethos und Selbstverpflichtung der Mitglieder des Berufsverbandes für Philosophische Praxis

Satzungsmäßiger Zweck des Berufsverbands Philosophische Praxis (BV-PP) ist die Interessenvertretung der in der Philosophischen Praxis berufsmäßig Tätigen. Wichtige Mittel zur Realisierung dieses Zwecks sind die Qualifikation und (Weiter-)Bildung von Philosophinnen und Philosophen und die Etablierung von Philosophischer Praxis als einer spezifischen berufsmäßigen Form des Philosophierens. Dies ist deshalb von Bedeutung, weil die Berufsbezeichnungen „Philosophin“ und „Philosoph“ im deutschsprachigen Raum nicht geschützt sind.

Inhalte dieses Berufsethos sind folgende Dimensionen:

I. Unser Verständnis von Philosophischer Praxis

II. Grundhaltungen der Philosophin und des Philosopbhen

III. Wesentliche Elemente beim Führen einer Philosophischen Praxis

IV. Verwurzelung in der philosophischen Tradition

I. Unser Verständnis von Philosophischer Praxis

  1. Der wesentliche Aspekt von Philosophischer Praxis im Sinne des Berufsverbands Philosophische Praxis ist die Fähigkeit und die Bereitschaft, sich selbst und anderen Menschen Rechenschaft über das eigene Tun und Handeln zu geben - also dem Ideal des klassischen logon didonai des platonischen Sokrates nachzukommen. Selbstsorge und Fremd(für)sorge, Selbstbildung und Selbstkultivierung sowie die Frage nach dem guten und gelingenden Leben sind die essentiellen Momente des philosophischen Daseins. Dazu gehört auch die Überzeugung, dass Philosophie immer ein symphilosophein, ein gemeinsames und gemeinschaftliches Philosophieren im Dialog ist und dass auch (und vielleicht sogar gerade) die Philosophierenden sich nicht in ihre „Denkerstube“ zurückziehen, sondern ihre Gedanken öffentlich machen sollten. Die Sorge um die res publica und mithin die unvermeidliche und auch aktive Teilnahme am öffentlichen und politischen Leben gehört nach Überzeugung des Berufsverbands Philosophische Praxis zur Grundstruktur eines philosophischen Lebens dazu.

  2. Auf der formalen Ebene betrachtet der Berufsverband die Philosophische Praxis als Bildungs- und Beratungsberuf. In diesem Beruf arbeiten Philosophinnen und Philosophen mit Gästen in unterschiedlichen Settings, d.h. sie realisieren Philosophische Praxis in unterschiedlichen Formen und Formaten.

  3. Auf der inhaltlichen Ebene heißt Philosophische Praxis für den BV-PP die Begleitung der Selbstaufklärung von Menschen in Fragen nach dem guten Leben durch einen Philosophen. Oder anders ausgedrückt: Durch Philosophische Praxis werden Fragen, Denkweisen und Einsichten, d.h. die jeweils eigene Lebensphilosophie der Gäste sinngebend erfahrbar gemacht. Dies bedeutet, dass Philosophinnen und Philosophen mit ihren Gästen in einen Prozess des Philosophierens eintreten, der – nach Novalis – die Beteiligten „vivifiziert“ und „dephlegmatisiert“ und die Lebensklugheit fördert. Die Philosophinnen und Philosophen helfen ihren Gästen dabei, die Lampe höher zu hängen - um die Metapher von oben wieder aufzunehmen - und andere Perspektiven einzunehmen und zu erproben.

  4. Zentrum Philosophischer Praxis sind die Philosophin und der Philosoph. Sie begegnen ihren Gästen empathisch ohne sich deren Perspektive zu eigen zu machen.

II. Grundhaltungen der Philosophin und des Philosophen

  1. Philosophische Praxis achtet die Individualität und Würde des Gastes und weiß um ihre eigenen Grenzen. Sie ist geprägt von Verantwortung gegenüber Gästen, der Gesellschaft und gegenüber sich selbst.

  2. Philosoph zu sein heißt, sich und anderen Rechenschaft über das eigene Handeln geben zu können. Dies beinhaltet das Handeln im Umgang mit Gästen wie auch das Handeln in Bezug auf die eigene Lebensführung.

  3. Philosophische Praxis hat den Anspruch, undogmatisch und unideologisch wenngleich nicht beliebig zu sein. Die Philosophin und der Philosoph sind sich ihrer Wurzeln bewusst und wissen, dass sie die Welt aus ihrer Perspektive sehen.

  4. Die Philosophin und der Philosoph gestalten die Arbeit mit Gästen dialogisch. Sie sind nicht Expertin oder Experte für die Antworten auf Lebensfragen, sondern für die Fragen nach Lebensantworten.

III. Wesentliche Elemente beim Führen einer Philosophischen Praxis

  1. Das Interesse am Menschen und die Freude an der Begegnung stehen im Zentrum Philosophischer Praxis.

  2. Grundlage Philosophischer Praxis ist Bildung. Dies beinhaltet eine begegnungsoffene und neugierige Haltung.

  3. Die Begegnung in der Philosophischen Praxis befähigt die Gäste, ihren Weg durch das Leben zu finden und unterstützt sie dabei, ihre eigene Orientierung zu finden.

  4. Die Philosophin und der Philosoph verfügen über spezifisches Handwerkszeug im beraterischen Tun. Weiterhin verfügen sie über die nötige Selbsterkenntnis und Selbsterfahrung, um die eigenen Themen von denen ihrer Gäste zu unterscheiden.

  5. Die Philosophin und der Philosoph stehen mit Kolleginnen und Kollegen im regelmäßigen Austausch im Sinne kollegialer Intervision und können angemessen mit Kritik umgehen.

IV. Verwurzelung in der philosophischen Tradition

  1. Die Tätigkeit als Philosophin und Philosoph setzt in der Regel ein Studium der Philosophie und eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den zentralen Fragen der Philosophie und angrenzender Bereiche voraus.

  2. Die Philosophin und der Philosoph beschäftigen sich mit den Inhalten der Philosophiegeschichte bis hinein in die Gegenwart. Sie sind in der philosophischen Tradition verwurzelt, vertiefen ihre philosophischen Kenntnisse immer weiter und wirken so einer zunehmenden kulturellen Amnesie entgegen. Die Aneignung philosophischen Wissens erfolgt dabei aus der Perspektive heutiger Lebenswirklichkeit , um dieses Wissen für aktuelle Lebensfragen fruchtbar zu machen und lebendig zu erhalten. Philosophische Praxis erschöpft sich bei Weitem nicht im philologischen oder historischen Studium, sondern bedeutet darüber hinaus eine existentielle Auseinandersetzung mit den Fragen der Philosophiegeschichte.

  3. Im Sinne des sokratischen „Sich-Rechenschaft-Ablegens“ sollte jede Philosophin und jeder Philosoph ihr und sein Handeln in Hinblick auf die Tradition immer wieder von Neuem legitimieren können: Was ist das genuin Philosophische meines Tuns?